Als die Zukunft noch jung war

Simon Spiegel entwirft eine Poetik des Science-Fiction-Films

Von Rolf LöchelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rolf Löchel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Science-Fiction-Filme füllen seit einigen Jahren die Kinosäle wie kaum je zuvor. Auch die Wissenschaften widmen sich zunehmend der cineastischen Form des Genres. Dabei werden zumeist einzelne Filme in mal mehr, mal weniger klugen Aufsätzen behandelt. Monografien zum Thema sind allerdings seltener. Und eine "Poetik des Science Fiction Films" stand bislang ganz aus. Simon Spiegel hat sie nun geschrieben.

In seiner erfreulich klar strukturierten Arbeit nimmt er den SF-Film aus einer - wie von ihm selbst betont und von jeder Seite seines Werkes belegt - dezidiert literaturwissenschaftlichen Perspektive in den Blick. Allerdings, so unterstreicht er ebenfalls, kann Literaturtheorie "nur als Ausgangs-, nicht aber als Endpunkt für Nachdenken über den Film dienen".

Spiegel gliedert seine Arbeit in zwei Hauptteile. Im ersten erörtert er, wie sich sinnvoll definieren lässt, was Science Fiction überhaupt ist, und wo deren "kulturhistorische Wurzeln" zu suchen sind. Aufbauend auf seiner zuvor entwickelnden Definition unternimmt er es im zweiten Teil seiner Studie, "einige Elemente einer Poetik des SF-Films zu skizzieren", wie er im Bescheidenheitsgestus formuliert. Hierzu prüft er, ob und inwieweit verschiedene literaturtheoretische Ansätze auf den Film anwendbar sind.

Gegenstand seiner Studie, die sich ganz auf "formal-ästhetische Aspekte" konzentriert, ist ausschließlich "der Spielfilm" - Fernsehfilme und -serien werden also nicht berücksichtigt. Ebenso bleiben Animations- und Alternate-History-Filme außen vor. In anderer Hinsicht ist das Korpus der Untersuchung umso breiter gefächert. Nach einer einleuchtenden Begründung, warum sich ein Blick, der sich ausschließlich auf die Meisterwerke der Science Fiction richtete, nur zu einem verzerrten Bild führen würde, erklärt Spiegel ausdrücklich, dass er auch "einige allgemein als minderwertig erachtete Filme" heranzieht. Denn erst Meisterwerke, mediokre und minderwertige Filme zusammen ergeben ein angemessenes Bild eines Genres. Immerhin flossen so nicht weniger als 300 gesichtete Filme in die vorliegende Studie ein.

Im ersten Teil der Untersuchung weist der Autor zunächst auf Mängel bisheriger Definitionsversuche von Science Fiction hin sowie auf die Schwierigkeiten, die solchen Definitionsversuchen per se innewohnen. Gleichwohl neigt er dazu, auf einer quasi 'harten' Definition zu beharren, an die er Kriterien anlegt, die einer Disziplin der Naturwissenschaften angemessener erscheinen als einer Geisteswissenschaft. So wirft er etwa Darko Suvin vor, dass sich die von diesem zur Definition von Science Fiction herangezogene "ästhetische Wirkung" auf die RezipientInnen nicht "messen" lasse.

Dabei stellt Spiegel immerhin selbst fest, dass Science Fiction "ein viel zu grosses und disparates Gebiet" ist, "als dass sich alle ihre Vertreter auf eine gemeinsame Kernaussage, Ideologie oder Weltanschauung reduzieren liessen". Dessen ungeachtet prüft er Ludwig Wittgensteins angesichts dieses Befundes doch naheliegenden 'weichen' Begriff der Familienähnlichkeit nicht auf seine Tauglichkeit für eine nähere Bestimmung dessen, was Science Fiction ausmacht und welche Werke ihr zuzurechen sind.

Allerdings hat Spiegels eigener Lösungsvorschlag nicht nur einiges für sich, sondern ist geradezu elegant. Er unterscheidet nämlich zwischen Genre (beziehungsweise Gattung) und Modus. Mit dieser Differenzierung lasse sich das "scheinbare Paradox" auflösen, "dass es bereits SF-Texte gab, bevor SF als eigenständige Gattung existierte".

Tatsächlich eine nützliche Unterscheidung. Die inhaltliche Bestimmung des Modus der Science Fiction überzeugt hingegen nicht so ganz. Er ist Spiegel zufolge "durch das wunderbare Element, das Novum, bestimmt". Von anderen "wunderbaren Erscheinungen" wie etwa Märchen, Mythen oder Fantasy unterscheide sich die Science Fiction dadurch, dass sie ihre Wunder "pseudowissenschaftlich legitimiert" und ihre Nova "naturalisiert, so dass sie den Anschein wissenschaftlich-technischer Machbarkeit aufweisen". Somit sei Science Fiction der Teil des Wunderbaren, "der sich in seiner Bild- und Wortsprache an aktuellen Vorstellungen von Wissenschaft und Technik orientiert, um die bestehenden technologischen Verhältnisse in einen weiter fortgeschrittenen Zustand zu projizieren." Dabei ziele das "technizistisch Wunderbare" auf eine "dem Realitätseffekt analoge Wirkung", die darin liege, "eine Art der Wissenschaftlichkeit und technischen Plausibilität zu erzeugen". Dass und wie Science Fiction ihr Novum als "realitätskompatibel" darstellt, nennt der Autor die "Naturalisierungsoperation".

Wie deutlich wird, entwickelt Spiegel einen sehr engen technizistischen Science-Fiction-Begriff, der den Space Operas und der hardcore-Science Fiction insbesondere der 1930er-Jahre und den folgenden Jahrzehnten angemessen sein mag. Die feministische Science Fiction seit den 1960er-Jahren vermag er allerdings nur unzureichend zu fassen. Und selbst ein Roman, dessen Novum in rein evolutionär - also ohne den Einsatz jedweder Technologie - entstandenen Mutanten wie etwa den in der SF so beliebten Teleportern, Telekineten und Telepathen besteht, fällt nicht unter seine doch arg enge Definition. Auch (ver)führt ihn die technizistische Verkürzung zu dem Irrtum, dass in der Science Fiction "ein Raumschiff [...] immer wie ein Raumschiff aus[sieht]". Man denke nur an die Raumschiffe der "Shadows" in der Erfolgsserie "Babylon 5".

Eine entsprechende Unschärfe oder Schwäche prägt auch seinen Utopiebegriff, der ganz von den althergebrachten Staatsutopien geprägt ist. Utopien sind Spiegel zufolge "statische Gebilde und widersprechen als solche einem modernen Gesellschafts- und Geschichtsverständnis". Spätestens auf die in und seit den 1970er-Jahren verfassten prekären Utopien von Feministinnen trifft diese Definition durchaus nicht zu. Aber auch Werner Illings bereits 1930 erschienener Roman "Utopolis" ist alles andere als statisch, beschreibt er doch eine (fast) ideale sozialistische Gesellschaft, die am Ende des Romans eine kommunistische Revolution erlebt. Und schon die von Louis-Sébastien Mercier in seinem 1771 anonym erschienenen Roman "L' an deux mille quatre cent quarante" beschriebene utopische Gesellschaft ist weder perfekt noch statisch.

Überzeugender als seine Definitionen sind die vom Autor genannten grundlegenden Unterschiede zwischen Science-Fiction-Literatur und -Film. Anders als jene sei dieser nie ein "Produkt von Fans für Fans" gewesen und lasse sich auch nicht von den "etablierten SF-Konventionen und -Standards" beeinflussen. Wichtiger aber ist, dass nicht die Literatur, sondern der Film das "ideale Medium für den Modus" der Science Fiction sei, da diese "durch den Gegensatz zwischen ihrer Anknüpfung an die Realität und der Bewegung von dieser weg, hin zum Wunderbaren geprägt" sei.

Zu Beginn des zweiten Teils seiner Arbeit benennt Spiegel die Aufgaben, die eine Poetik zu erfüllen habe: Sie definiert Textsorten, grenzt sie von einander ab und versucht, die Prinzipien und Regeln aufzuzeigen, denen Kunstwerke folgen. Dies alles jedoch, ohne "endgültige Sätze" zu formulieren. Nachdrücklich grenzt Spiegel sein Vorhaben von einer "Normpoetik" ab, die Regeln festlege und einen Kanon postuliere. Im Unterschied zu einer solchen normativen Poetik, die bestimme "was gut ist", fragt sein Entwurf einer Poetik der Science Fiction danach, "wie das, was als gut empfunden wird, aufgebaut ist". Spiegel geht es also darum, "retrospektiv zu untersuchen, aus welchen Gründen gewisse Werke - von Zuschauern, Kritikern, Wissenschaftlern - zu einer bestimmten Zeit höher eingestuft werden als andere".

Weiter erörtert er, "welche formal-stilistischen Faktoren einen Einfluss darauf haben, dass typische SF-Elemente sehr unterschiedlich wirken können", "wie gewisse formale Strukturen, narrative Prinzipien und andere Elemente verschieden gekonnt ein- und umgesetzt werden". Kurz: Warum ein Film als gelungen gelten darf und ein anderer nicht. "Gelungene SF", so schließt Spiegel sich dem unter Fans und Forschern herrschenden Konsens an, zeichne sich durch den "Sense of Wonder" aus, "jene erhebende, nur schwer fassbare Empfindung plötzlicher Einsicht".

Zwar werde der Sense of Wonder (SoW) als "Erfahrung von Transzendenz" und als "erhabener Schauer" verstanden, "der den Zuschauer ergreift". Doch habe er auch eine "intellektuelle Seite", bei der es um Science Fiction als "erkenntnissteigernde[m] Modus" geht, "der ein tieferes Verständnis der Welt ermöglicht". Eine mit dem Gefühl des Schauers verbunden Erfahrung intellektueller Erhebung also, die allerdings umso schwieriger zu wiederholen ist, je öfter sie bereits gemacht wurde. Daher steht sie meist ganz am Anfang der Karriere eines Science-Fiction-Fans und wird fortan nur selten empfunden, was zur Folge hat, dass viele Fans die Meinung vertreten, früher sei die bessere Science Fiction geschrieben worden.

Benennt der Sense of Wonder ein Wirkung, die Science Fiction bei RezipientInnen erzielt, so bezeichnet der "Conceptual Breakthrough" ein diesem korrespondierendes "innerfiktionales Phänomen", das Spiegel im Anschluss an die "Encyclopedia of Science Fiction" als "Erkenntnisgewinn der Figuren" beschreibt, der einem Paradigmenwechsel gleichkommt. Dieser ist der "eigentlichen Auslöser oder Urheber" des Novums, das wiederum dessen "sichtbare Manifestation" ist.

Der Sense of Wonder, so beschließt Spiegel seine Untersuchung, sei keine Science-Fiction-spezifische Empfindung, sondern stehe als Grunderfahrung vermutlich "am Beginn jeglicher Liebe zur Kunst - vielleicht sogar der Liebe überhaupt". Wahrscheinlich erwachse aus der nur selten zu wiederholenden Erfahrung des Sense of Wonder denn auch nicht nur eine "romantisierende Nostalgie", sondern ebenso "jene bornierte Rückwärtsgewandtheit, die überzeugt ist, dass früher grundsätzlich alles besser war". Wenn dem aber so sei, und wenn SF "dank ihres Wesens und Funktionierens besonders dazu geeignet ist, den SoW zu erzeugen", scheine Science Fiction kein "Modus des visionären Vorwärtsschauens" zu sein, sondern vielmehr einer des "wehmütigen Blicks zurück, zurück in jene Zeit, als die Zukunft noch jung war und alles möglich schien". Da ist dem Autor zumindest eine originelle Wendung gelungen, die zudem so verkehrt wohl gar nicht ist.


Titelbild

Simon Spiegel: Die Konstitution des Wunderbaren. Zu einer Poetik des Science-Fiction-Films.
Schüren Verlag, Marburg 2007.
396 Seiten, 24,90 EUR.
ISBN-13: 9783894725167

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