Der unbekannte Wolfgang Koeppen

Das zweite Band des Jahrbuchs der Internationalen Wolfgang Koeppen-Gesellschaft

Von Evelyne von BeymeRSS-Newsfeed neuer Artikel von Evelyne von Beyme

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"Der unbekannte Wolfgang Koeppen" lautet der Themenschwerpunkt des erst kürzlich erschienenen zweiten Bandes der Internationalen Wolfgang Koeppen-Gesellschaft, der sich aus den Vorträgen des im vorigen Herbst tagenden Kongresses sowie drei zusätzlichen Beiträgen von Alfred Estermann und den beiden Herausgebern zusammensetzt.

Thematischer Bestandteil dieses Bandes sind jene "unbekannten", d. h. kaum oder noch gar nicht beachteten Koeppen-Texte. Ferner bisher verborgene Lebens- und Arbeitsphasen des Autors sowie seine bekannteren Texte, die unter neuen Fragestellungen zum Untersuchungsgegenstand werden.

Dazu zählt etwa Irmgard Eggers Beitrag "Perspektive - Abgrund - Hintergrund: Giovanni Battista Piranesis Carceri bei Wolfgang Koeppen", der sich mit der Frage auseinandersetzt, inwieweit die Ende des 18. Jahrhunderts entstandenen Werke des italienischen Kupferstechers den Schriftsteller Koeppen beeinflusst haben.

Zum Strukturprinzip und Mythos geworden, fände sich - wie bei seiner Zola- und Paris-Rezeption die "Übertragung der architektonischen Modelle Piranesis auf die Konstituierung von Urbanität und [...] Fiktionalität" - in Koeppens Werk, "von den frühen Anfängen bis zu den großen Nachkriegsromanen und den späten Reisetexten" an, immer wieder etwas von Piranesis künstlerischer Gestaltungsweise, vor allem in seinem 1954 erschienenen Nachkriegsroman "Der Tod in Rom". Ähnlich wie bei Piranesi, der bei seinen berühmten "Carceri" mit den "ins Leere verlaufende[n] Treppen und Stege" die Perspektive des Betrachters "nicht nur meisterhaft in die Weite, sondern auch in die unendliche Tiefe zu führen" vermag, erziele Koeppen in seinem Roman eine "Auffächerung der Perspektive à la Piranesi" durch das mehrfach inszenierte Aneinander-Vorbeibewegen der Familienmitglieder innerhalb Roms. Ebenso wie über die Beziehung der Protagonisten lege sich auch "über die Topographie und die Isometrie Roms" "ein labyrinthisches Netzwerk von ins Leere verlaufenden Wegen".

Weitere Hinweise für Piranesis Einfluss auf Koeppen machte Egger auch bei "Tauben im Gras" ausfindig. Nicht nur dieselbe charakteristische Choreographie, sondern vor allem Emilias Haus, das von ihr "als unausweichliches tödliches Gefängnis empfunden" wird und der Piranesi-Stich an ihrer Zimmerwand wirken bezeichnend.

Weiter erforscht wird der Piranesi-Einfluss auch in Sabine Doerings Beitrag "Das phantastische Gefängnis. Strukturen der Abgeschlossenheit in Wolfgang Koeppens Roman Die Mauer schwankt". Im Unterschied zu Egger, der in seinem Beitrag Aufschlussreiches über die Schaffensweise des Kupferstechers und seinen allgemeinen Einfluss auf Koeppen liefert, konzentriert sich Doerings strukturanalytische Betrachtung vor allem auf "die in den Anfangspartien des Romans entfaltete Leitdifferenz von Abgeschlossenheit/Gefangenschaft und Öffnung/Freiheit im Blick auf den gesamten Handlungsverlauf" mit dem Ziel, "Koeppens spezifische Erzählweise genauer zu konturieren".

Döring bezieht in ihre Untersuchungen eine von Koeppen 1931 im Feuilleton der Berliner "Deutschen Allgemeinen Zeitung" unter dem Titel "Das phantastische Gefängnis des G. B. Piranesi" veröffentlichte Betrachtung des Kupferstechers mit ein. Dabei konstatiert sie, dass Koeppen den "in der historischen Skizze imaginierten Piranesi und den später erfundenen Baumeister Johannes von Süde" einander angeglichen habe.

'Gefangenschaft' und 'Abgeschlossenheit' bekommen im Roman die ische Funktion eines Leitmotivs, die - wie Döring feststellt - nicht nur "für den Weg des Baumeisters zentral sind", sondern zugleich bei der Schilderung der Nebenfiguren des Rektor Frizzien und von Südes Dienstmagd Kaline in Variation aufgegriffen werden.

Für die nähere Betrachtung der Leitdifferenz von Abgeschlossenheit/Gefangenschaft und Öffnung/Freiheit sind Dörings editionsphilologische Rückblicke auf die Entstehungsgeschichte des Romans von Bedeutung. So macht sie darauf aufmerksam, dass Koeppen sein Werk anfangs unter dem Titel "Die Pflicht und die Strenge" publizieren wollte, und "Die Mauer schwankt" tatsächlich im Jahr der Erstausgabe unter dem Titel "Die Pflicht" erschien.

Neue Ergebnisse zu Koeppens Arbeit beim Film liefert Sigrid Nieberle mit seinem Beitrag "Schreiben vor und nach dem Film: Zu Wolfgang Koeppens Feuilleton und Prosa".

Im Mittelpunkt der Untersuchungen stehen für Nieberle der "unbekannte Koeppen" und "seine diesbezüglichen Texte zum Kino". Das, "was Koeppen ,zu, neben und nach' dem Film - genauer auch: ,vor dem Film' - geschrieben hat", wird unter der Fragestellung, "inwiefern seine Schreibweisen des Films - also seiner Kinematographie im Sinne eines 'Bewegungsschreibens' - zwischen den Medien Literatur und Film vermitteln oder trennen wollte", zum Gegenstand von Nieberles Ausführungen. Dafür widmet sich Nieberle intensiv Koeppens Tätigkeit als Verfasser von Filmkritiken für den "Berliner Börsen-Courier" in den 30er Jahren.

Deutlich werde auch hier schon "Koeppens Affinität zur literarischen Sprache". Allerdings würden "Koeppens Bekenntnisse zum Lesen, zum Buch, zur Literatur einen ungleich höheren Stellenwert ein[nehmen] als seine Affinität zum Kino und zum Film". In späten Texten würde man bei Koeppen mitunter sogar auf eine eher ablehnende Haltung gegenüber den Medien Film und Fernsehen treffen, auf eine Angst, dass diese "der Literatur den Rang streitig" machen könnten.

Unter Anführung eines Briefes aus dem Jahre 1936 an Ithering - seinem ehemaligen Vorgesetzten vom "Berliner Börsen-Courier" - dem Koeppen zusammen mit "seinen Hoffnungen, als ,Autorenfilmer' in die Branche zu wechseln", seine Überzeugung offenbart, dass man "mit den Mitteln des Films dichten" könne, sowie Koeppens Rede zur Büchner-Preis-Verleihung von 1962, verweist Nieberle auf einen "über fast dreißig Jahre hinweg" implizierten "Ansatz einer filmischen Poetik" bei Koeppen, der in der "ironischen Verkehrung" seine Besonderheit trägt. So möchte der Schriftsteller - wie Nieberle statuiert - nun "nicht mehr die Literatur für den Film vereinnahmen [...], sondern den Film und seine Apparate für die Dichtung gewinnen", wie es die unveröffentlichte Erzählung "Vor dem Film", aus der Zeit zwischen 1945 und 1950, indiziert. Deutlich werde an diesem Entwurf "aufs neue, daß Koeppen sich mit der [Transformation der] Kinematographie und deren Lichtverhältnisse" auf das Medium Buch beschäftigt habe.

Aus Nieberles Untersuchungen resultiert, dass "Koeppen die Medien Literatur und Film den jeweiligen Umständen entsprechend für sich kultivierte". Er habe "zwar immer wieder mit einer Poetik der Kinematographie" experimentiert, jedoch nehmen diese Ansätze in seinem Werk eher einen geringeren Stellenwert ein.

Erkenntnisse über den Nachlass des Schriftstellers und somit eine neue Perspektive auf sein Œuvre liefert Iris Dennelers Beitrag "Von Phantasierössern und Arbeitseseln. Eine Spurensuche in Wolfgang Koeppens Hinterlassenschaften".

Wie aus dem Nachlass hervorgeht, habe Koeppen - so Denneler - "mit den Reise-Essays keineswegs sein Schriftstellerdasein beendet", was bisher von so vielen angenommen wurde. Als Grund für diese Annahme führt die Germanistin an, dass Koeppen bloß "nicht mehr das [lieferte], was man erwartete, den großen, zeitkritischen Roman. Was von seinen Ideen gedruckt ans Tageslicht kam - Entwürfe zu Erzählungen und Romanen, zu Autobiographischem und Essayistischem, weitere Texte zu Filmen -, das wurde unter Unlust und meist auf Drängen seiner Redakteure und Verleger hervorgekramt und unter wohlwollendem Druck veröffentlicht."

Die später eintretende Publikationsflaute sei ein Produkt seiner zahlreichen, parallel laufenden Projekte gewesen. Ein anderer Grund liege in Koeppens ,Problem des Handelns'. Denneler verweist dabei auf Koeppens Büchnerpreisrede, "worin er gestand, er sei Schriftsteller geworden, weil er kein Handelnder sein wolle".

Dieser Nachlassband, der "Manuskripte oder wiederaufgegriffene Arbeiten aus den dreißiger Jahren" enthält, lässt, nach Dennelers Beobachtungen, eine Reihe "untereinander verwandter Stoffe erahnen, wie etwa "Das warme Nest" von 1965 mit "Morgenrot" und "Ein Anfang ein Ende". Es belegt, "daß Koeppen in der Tat versuchte, früheres Personal aus ,Tauben im Gras' und aus dem ,Treibhaus' wieder auftreten zu lassen."

Koeppens Nachlasswerk liefere demzufolge den Beweis, dass Koeppen Zeit seines Lebens "an einem großen, zwangsläufig fragmentarisch bleibenden Lebens- und Lese-Roman" gearbeitet hatte, der für den Schriftsteller als "Manifestation einer unablässigen Selbstvergewisserung, Selbstbildung und Selbstkonstitution" diente. Dies sei, wie Denneler bemerkt, ein Grund, warum Koeppens Texte oftmals unvollendet blieben.

Ähnlich aufschlussreich verhalten sich auch die 16 anderen Beiträge aus dem zweiten Band des Jahrbuches, die mit ihren spezifischen Untersuchungsfeldern zu neuer Diskussion anregen.

Ein Großteil der Vorträge zeichnet sich durch eine sehr präzise Vorgehensweise aus. Hierin voran vor allem Volker Nölle mit seiner zum Teil strukturalistisch-autorstilistischen Analyse zum 'Labyrinthischen' in Koeppens Texten (",Gestrüppgerüst'. Das 'Labyrinthische der Texte' - Texte des 'Labyrinthischen' in Romanen Wolfgang Koeppens") und Denneler, die die texteditorische Arbeit an dem untersuchten Nachlassband - unter anderem die Bemängelung der ungenauen, "von den Nachlassverwaltern hinzugefügte Manuskript- und Mappenzählung" oder aber die "mal durchgeführte, mal nicht durchgeführte Zählung der Typoskripte/Autographen/Fassungen in den sogenannten 'ergänzenden Texten'" - kritisiert.

Einige Ungenauigkeiten begegnen dem Rezipienten bei Günter Häntzschel, der in seinem Beitrag "Durchheiterter Ernst. Wolfgang Koeppen, Tauben im Gras" gegen die herrschende Meinung thematisch und sprachlich "erste Spuren der Heiterkeit" in der deutschen Nachkriegsliteratur am Beispiel von "Tauben im Gras" nachzuweisen versucht.

Auch hätte man sich bei Nieberles Beitrag "Schreiben vor und nach dem Film: Zu Wolfgang Koeppens Feuilleton und Prosa" gewünscht, dass dieser sich ein wenig stringenter an seiner Fragestellung orientiert hätte: "inwiefern seine Schreibweisen des Films [...] zwischen den Medien Literatur und Film vermitteln oder trennen wollte". Seine Erkenntnisse zu den bisher eher unbekannten Filmkritiken aus den 30er Jahren liefern reichliche Aufschlüsse über diese bisher wenig erforschte Schaffensperiode des Schriftstellers. So beispielsweise Nieberles Beobachtung zu Koeppens Schreibweise zu Beginn der Machtergreifung der Nationalsozialisten, dass Koeppen sich "in seinen Artikeln für den ,Börsen-Courier' weitgehend ideologiekritischer Ansätze" enthalten hat. In seinem Beitrag wird die anfängliche Fragestellung jedoch zu selten aufgegriffen, bleibt an dieser wie auch an anderen Stellen oftmals außen vor.

Was die Untersuchungen zu Koeppen betrifft, offeriert dieser zweite Band eine Reihe von neuen und interessanten Ansätzen, die den Horizont um einiges erweitern - eben um den 'unbekannten' Wolfgang Koeppen.

Titelbild

Jahrbuch der Internationalen Wolfgang Koeppen-Gesellschaft 2-2003.
Herausgegeben von der Internationalen Wolfgang Koeppen Gesellschaft.
Iudicium-Verlag, München 2003.
355 Seiten, 33,50 EUR.
ISBN-10: 3891297521

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